Am 24. April werden die deutschen Filmpreise vergeben, in einer Online-Zeremonie – so ist es in diesen kontaktarmen Zeiten angesagt. “Lola” heißt der Preis der Filmakademie. Lola ist die kleine Schwester von Oscar, dem amerikanischen Vorbild. Wie in Hollywood wird hierzulande Mitglied der Akademie nur, wer die Einladung dazu erhält. Über die Preise bestimmen demnach ausschließlich Filmpraktiker, Kritik und Wissenschaft kommen nicht vor. Das führt dazu, dass Martktgängiges gern bevorzugt wird und schon mal eine Perle untergeht, auch, weil Regisseure, Produzenten und Kameraleute nicht dauernd auf Festivals herumhängen und alles sehen, was es so gibt.
Umso erfreulicher, dass Systemsprenger, mit zehn Nominierungen dieses Jahr der eindeutige Favorit auf viele Lolas und tatsächlich eine echte Perle, sehr erfolgreich in deutschen Kinos gelaufen ist. Wer nur den Trailer oder ein Plakat des Films sah, wurde über die Farbe angelockt, eine “Explosion in Pink”, wie die Kritik schrieb. Demnach geht es um ein Mädchen.
Benni ist neun (grandios: die elfjährige Helena Wengel). Mit ihrem blonden Schopf ist Benni auf den ersten Blick ein Engel. Ihr Verhalten ähnelt dagegen einer Flipperkugel; wenn sie aneckt, und das ist überall, nimmt sie richtig Fahrt auf. Das bekommt ihre Sozialarbeiterin genauso zu spüren wie Bennis Mutter Bianca, die mit Freund und zwei weiteren Kindern heillos überfordert ist, und viele andere Kinder, denen Benni in Wohngruppen begegnet, bis sie einem Jungen schweren körperlichen Schaden zufügt. Benni sprengt jedes System, in das sie eingefügt werden soll. Eigentlich müsste man sie wegsperren.
Dem stellt sich der Sozialarbeiter Micha (Albrecht Schuch) entgegen. Er nimmt das schwierige Kind für drei Wochen auf eine Waldhütte mit und kann dort Bennis Dämonen tatsächlich niederhalten. Micha ist der Ruhepol des Films und genauso beeindruckend wie Benni, weil ganz greifbar und reell; er vertritt das “System”, das gegen Bennis familiär bedingtes Handicap ankämpft und doch machtlos ist, wenn die Neunjährige aus dem Nichts heraus austickt. Am Ende bleibt alles offen. Klar ist nur, dass Benni ihr Leben lang wird ankämpfen müssen gegen etwas, was ihr selbst in frühester Kindheit angetan wurde.
Man könnte nun fragen, warum sich so eine Geschichte überhaupt ansehen sollte. Eine einfache Antwort: “Weil es das alles gibt, was es gibt“ (André Heller). Das jüngere deutsche Kino wird zu Recht gerühmt für die Ernsthaftigkeit, mit der es Probleme des sozialen Umgehens miteinander thematisiert, und auch das eine oder andere Tabu. Darüber wäre viel zu schreiben. Für heute sei es mit dem Hinweis getan, dass dieses Jahr ein weiterer einschlägiger Film, das Drama Es gilt das gesprochene Wort, für fünf Lolas nominiert ist. Es geht um eine Frau mittleren Alters, die sich einen türkischen “Sugar Boy” anlacht und diesen nicht wieder los wird. Mit diesem Film wird F!F, so es dann möglich ist, am 25. Juni im Weingut Mett die Saison eröffnen. Dazu haben wir den Produzenten des Films eingeladen sowie eine Filmpädagogin, die vor dem Film Fragen stellt. Ein auch für uns spannender Abend. Sichern Sie sich Ihre Karten rechtzeitig.
Und falls Sie Systemsprenger ratlos, vielleicht sogar verstört zurück lassen sollte: Sehen Sie sich noch die Dokumentation Elternschule (Amazon Prime) an, einen Film, der Fachleute und Elternschaft in eine heftige Diskussion geführt hat: Kann man, darf man, muss man auch Eltern noch erziehen?